Die Babyklappe ist nicht einsehbar. Sie liegt verborgen hinter einer hohen Mauer, die Tür dorthin ist immer offen. Wenn man auf „Öffnen“ drückt, geht die Klappe langsam auf: Darin liegen Babyschlafsack, Handtuch, Decken sowie Stift und Zettel, auf dem Namen und Geburtsdatum des Babys geschrieben werden können. 20 Babys – darunter 18 Mädchen – sind seit dem Jahr 2000 in dem Babyfenster am Kinderheim Ruländer Hof der Vereinigten Hospitien in Trier anonym abgelegt worden. „Jeder Fall ist emotional sehr bewegend“, sagt Einrichtungsleiterin Manuela Zupan.
Letzter Ausweg für verzweifelte Mütter
Es habe neugeborene Säuglinge gegeben, die „noch mit den Spuren der Geburt“ in eine Decke gehüllt abgelegt wurden. Andere seien ein paar Tage alt gewesen und komplett angezogen mit Kleidungstasche, Brief und Kuscheltier gebracht worden. „Wir heben alles auf, jedes Fitzelchen, was das Kind an sich, mit sich, um sich hatte. Weil es ist das Einzige, was dieses Kind jemals von seinen Eltern haben wird“, sagt Zupan, die zu jedem Kind versucht, alles zu dokumentieren.
Babyklappen sind als letzter Ausweg für verzweifelte Mütter gedacht. Es kann verschiedene Gründe geben, warum Frauen ihr Kind abgeben: verdrängte Schwangerschaft, Überforderung, Vergewaltigung oder Gewalt in der Familie. Das Angebot in Trier war in Rheinland-Pfalz das erste seiner Art. Derzeit gibt es im Land mindestens fünf Babyfenster oder Babykörbe. Sie sind auch in Mainz, Bad Kreuznach, Koblenz und Kaiserslautern. Die Babyklappe am St. Marienkrankenhaus in Ludwigshafen ist wegen Bauarbeiten seit 2020 geschlossen.
Die Babyklappe sei „ein Ort existenzieller Verzweiflung und existenzieller Rettung“, sagt die Stiftungsdirektorin der Vereinigten Hospitien, Yvonne Russell. Nach Abgabe des Kindes werde der Mutter Zeit gegeben, in Ruhe zu gehen, bevor intern ein Alarm ausgelöst werde. Als Erstes werde das Kind medizinisch versorgt, das Jugendamt binde dann rasch potenzielle Adoptiveltern ein. Jeder Fall werde äußerst diskret behandelt.
Daten werden gesammelt
Laut rheinland-pfälzischem Ministerium für Familie und Frauen in Mainz sind in den Babyklappen im Land von 2000 bis 2018 insgesamt 46 Säuglinge abgelegt worden. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Das Ministerium sei derzeit dabei, Daten für einen neuen Bericht zusammenzutragen, der in diesem Winter fertig werden solle.
Babyfenster könnten für Frauen in einer extremen Notsituation nur als „Ultima Ratio“ gelten, teilt das Ministerium weiter mit. Deswegen sei es wichtig, auf das Angebot der vertraulichen Geburt hinzuweisen, das seit 2014 gesetzlich geregelt ist. Dabei sei Ziel, heimliche Geburten außerhalb von medizinischen Einrichtungen „so unnötig wie möglich zu machen“ und zu verhindern, dass Neugeborene ausgesetzt oder getötet werden, hieß es aus Mainz.
Durch die Angebote der anonymen Entbindung und der Babyklappen gebe es zudem eine Dunkelziffer an präventiv vermiedenen Abtreibungen, sagt Russell. „Frauen treiben dann nicht ab, weil sie wissen, es gibt diesen Weg.“ Laut Ministerium sind Babyfenster aus der Initiative freier Träger entstanden. „Sie bedürfen keiner Konzession und unterliegen auch keiner staatlichen Aufsicht.“ Mütter werden nicht strafrechtlich verfolgt, wenn sie ihr Kind in ein Babyfenster legen.
Angebote, um Familien früh zu helfen
In Mainz gibt es seit 2002 am Bruder-Konrad-Stift eine Babyklappe. Bisher seien dort neun Babys abgegeben worden, sagt die Leiterin des Alten- und Pflegeheims und Konventoberin Schwester Devota Lanius. Das Angebot werde noch gebraucht und genutzt. „Und wenn es nur für ein Kind gebaut worden wäre, wäre es sein Geld wert gewesen.“ Auch hier laufe alles ganz anonym ab. Teilweise werde dem Kind noch etwas Persönliches mitgegeben. „Das ist aber nicht bei jedem so.“
Bis zur Schließung des Babykorbs in Ludwigshafen seien sieben Kinder abgegeben worden, sagt die Sprecherin vom St. Marienkrankenhaus. Sie hoffe, dass es das Angebot künftig wieder geben werde. „Man muss einen guten Platz dafür finden.“ Eine Mutter habe bis zu acht Wochen nach der Abgabe die Möglichkeit, das Kind wieder zu sich zu nehmen. Ein Babyfenster könne aber nicht „die alleinige Lösung“ sein. Es gebe auch im Rahmen der Aktion „Guter Start ins Kinderleben“ Angebote, um Familien früh zu helfen.
Das Angebot der Babyklappe bleibt auch in Trier wichtig. „Es ist nicht in aller Munde, aber es wird gefunden, es wird genutzt und eigentlich relativ gleichbleibend“, sagt Psychologin Zupan. Meistens geschehe es nachts. Die Babyklappe werde daher jeden Morgen von innen aus geöffnet und kontrolliert – sicherheitshalber, für den Fall, dass Notklingel und Alarm aus technischen Gründen nicht ausgelöst haben.