Was einst der Weinbrunnenplatz war, wo in Mayschoß die Feste gefeiert wurde, ist nun eine Schlammwüste, bevölkert mit Helfern aus ganz Deutschland, darunter auch das Panzerpionierbataillon 130 aus Minden. „Unser Gegner ist das Wasser“, sagt Hauptfeldwebel Matthias Leitsch. Er und seine Truppe sind mit Booten im Einsatz auf der Ahr, die sich in Mayschoß zu einem See aufgestaut hat. Die Pioniere sind überall an der Ahr im Einsatz, auch um Panzerschnellbrücken zu verlegen.
Der Pavillon auf dem Weinbrunnenplatz ist abrissreif. Er ist über Nacht ein Relikt aus vergangenen Zeiten geworden. Fassungslos steht Rudolf Mies an diesem Platz. Er ist der Vorsitzende eines Verkehrs- und Verschönerungsvereins, für den es jetzt nichts mehr zu tun gibt. „Der Tourismus wird tot sein für Jahre. Wir werden unser Guthaben jetzt der Ortsgemeinde überweisen. Ich wüsste nicht, wofür wir es brauchen könnten“, sagt er. Er befürchtet, dass Mayschoß in der Folge der Hochwasserkatastrophe Einwohner verlieren wird. Pläne für neue Baugebiete wie das, das auf dem Campingplatz entstehen soll, könne man jetzt vergessen.
Vor der Metzgerei Damian, eine Adresse für regionale Qualitätsprodukte und Wildspezialitäten, klafft ein riesiger Krater. Hier gibt es kein Weiterkommen mehr. Schwere Bagger sind im Einsatz. Den Weg zur Winzergenossenschaft Mayschoß muss man sich durch enge Gässchen und Morast bahnen. Auch hier wurde alles überschwemmt – bis auf den Bereich der Traubenannahme, der noch intakt wirkt. Die Halle mit den Edelstahltanks sieht so aus, als könnte man hier im nächsten Jahr Wein produzieren. Doch der historische Weinkeller gleicht einer Schlammwüste, und die Vinothek ist völlig zerstört. Wie groß der hier entstandene wirtschaftliche Schaden wirklich ist, lässt sich noch nicht beziffern.
Geschäftsführer Matthias Baltes hat ein provisorisches Büro in einer der Hallen eingerichtet, von wo aus er den Rettungseinsatz für die nächste Ernte organisiert. Gesunde Trauben, sie sind das Kapital für das nächste Jahr. Wie viel Fasswein die Flut genommen oder ungenießbar gemacht hat, das weiß er noch nicht. Im Flaschenlager werden die Bestände sortiert, die geblieben sind. „Die Paletten fielen in der Flut zum Glück langsam um“, so Baltes. Von den Flaschenweinen sei einiges zu retten. „Wir sammeln sie in Gitterboxen und spülen sie ab, bevor sie in den Verkauf gehen“, so Baltes. Den Vertrieb muss er nun allerdings aus dem Ahrtal auslagern.
Wo sich die Drehscheibe für die Grundversorgung in Mayschoß befindet, wird im Ort analog verkündet: per Plakat. An fast jeder Straßenecke gibt es die Hinweise auf die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus und St. Rochus. Der in Mayschoß in Eigeninitiative gegründete Krisenstab hat nicht nur den Bau der Versorgungsstraße auf den Weg gebracht, sondern auch einen Anlaufpunkt geschaffen, wo Bürger alles finden, was sie brauchen – Ansprache und Trost inklusive. In der Kirche gibt es inzwischen eine „Rochus-Shopping-Mall“, wo neben gespendeten Lebensmitteln alles für den täglichen Bedarf zu haben ist, auch Medikamente. Die Feuerwehr aus Neustadt hat eine Dekontaminierungsanlage zum Duschzelt umfunktioniert. Es gibt ein Kühlhaus, ein Abstellzelt und vor allem ein tägliches Infoblatt. Und auch die medizinische Versorgung ist gesichert. Dr. Jens Dietrich gehört zu den Notärzten, die hier im Einsatz sind. „Es gab auch schon notärztliche Versorgung, seitdem wir hier sind“, sagt er. Für solche Notfälle ist ein Hubschrauberlandeplatz eingerichtet. Ansonsten seien es aber eher die kleinen Wehwehchen, die er zu behandeln hat.
Die Menschen nehmen diese Infrastruktur am Ende der Welt dankbar an. „Das alles ist top organisiert“, so Corinna Bäcker. „Wir sind halt ein gallisches Dorf“, fügt eine ältere Dame hinzu.