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Gerd Müller: Der "Bomber der Nation" geriet in Vergessenheit

Ein stiller Star vor dem Fernseher

Gerd Müller: 1974 machte er Deutschland  
zum Weltmeister, heute ist er nur Zuschauer  

München - Er war ein Wunderstürmer und hatte eine bessere Trefferquote als heute Ronaldo oder Oliver Bierhoff, doch seine Meinung zur Fußball-WM in Frankreich ist kaum gefragt. Es ist ruhig geworden um Gerd Müller, den einstigen "Bomber der Nation". Während seine Mannschaftskollegen aus der Weltmeisterelf von 1974 zur Zeit in Frankreich als Trainer, Kommentatoren oder Werbevertreter im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehen, verfolgt Müller die Titelkämpfe zu Hause in München vor dem Fernseher.

Doch den schon ein wenig grau gewordenen 52jährigen stört das wenig. "Da sollen andere auftreten, die besser reden können. Meine Sache ist das nicht", sagt Müller, schweigt lieber und sieht den Kollegen von einst im Fernsehen zu.

Gelernter Weber war nie ein Mann großer Worte

Anders als die meisten "74er" - wie zum Beispiel Berti Vogts, Rainer Bonhoff, Sepp Maier (alle DFB-Trainer), Günter Netzer (ARD-Experte), Uli Hoeneß (Manager) oder der omnipräsente Franz Beckenbauer - ist Müller nach seiner Profi-Karriere kein Showstar geworden. Der gelernte Weber aus Nördlingen war noch nie ein Mann großer Worte - eher ein ehrlicher, bescheidener Handwerker, für den "aufm Platz" immer das entscheidende war.

Trotzdem wissen die Verantwortlichen beim FC Bayern, für den Müller in 427 Bundesligaspielen 365 Tore schoß, seine Leistung zu schätzen. "Ohne ihn wären wir vielleicht heute noch in dem alten Holzhäusl", hat Präsident Franz Beckenbauer mit Blick auf das mittlerweile bombastische Trainingsgelände an der Säbener Straße einmal gesagt. Im gegnerischen Strafraum hatte der Torjäger anders als im Privatleben stets alles im Griff.

Nach Alkoholsucht Job als Jugendtrainer

Daher war es wohl nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, als der Verein Müller nach überstandener Alkoholkrankheit einen Job als Jugendtrainer verschaffte. Auch so etwas wie die Anerkennung für eine Lebensleistung schwang da mit. Ohne die Treffer von "kleines, dickes Müller", wie der legendäre Bayern-Coach Tschick Cajkovski seinen Goalgetter nannte, hätte der heutige Nobelklub nie den Aufstieg in die Beletage des europäischen Fußballs geschafft.

Und Deutschland wäre 1974 nicht Weltmeister geworden: Im Finale gegen die Niederlande schoß er das entscheidende 2:1. Insgesamt gelangen dem "König der Abstauber", der direkt nach dem Titelgewinn seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündete, 68 Treffer in 62 Spielen. Zum Vergleich: Jürgen Klinsmann steht im Moment bei 45 Toren in 104 Begegnungen.

Der Rekord-Torjäger ist für jedes Autogramm zu haben

Und trotzdem hat er sich nie wie ein Star benommen. Auch heute steht der Rekord-Torjäger jedem Fan für ein Foto und ein Autogramm zur Verfügung. Ganz anders als die heutigen Sternchen am Fußballhimmel, die Berti Vogts "Wohlstandsjünglinge" nennt und wie Mehmet Scholl noch nie eine Weltmeisterschaft bestritten haben. Doch die Autogrammwünsche haben mit der Zeit nachgelassen. Für viele ist Müller ein Relikt aus den längst vergessenen 70er Jahren wie Afri-Cola.

Das Geschehen bei der WM in Frankreich verfolgt Müller am liebsten bequem im Fernsehsessel und in Ruhe - ohne Gäste und lästige Aufregung. "Ich habe bisher alle Spiele gesehen. Die Kroaten sind für mich bisher die Überraschungsmannschaft", sagt Müller. Zu Beginn der WM war er bereits in Paris, "weil mir die Fifa dort einen Orden verliehen hat." Welchen und warum - das weiß er auch nicht so genau. Doch beim Finale ist er auf Einladung eines Sponsors dabei, dann will Müller einen deutschen Sieg sehen.

sid
Letzte Änderung: 17.06.1998 17:33 von jp
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