Reiter: Mond ist ein Erdgeschichtsbuch
Koblenz Der Wunsch, den Weltraum zu erobern, hat den Menschen zu vielen nützlichen Erfindungen getrieben. Doch das Potenzial scheint längst nicht ausgeschöpft.
Mit 350 Tagen im Weltraum ist Thomas Reiter mit weitem Abstand der erfahrenste deutsche Astronaut. Zuletzt nahm der 51-jährige Ingenieur der Luft- und Raumfahrttechnik im Jahr 2006 an einer Langzeitmission zur Internationalen Raumstation (ISS) teil. Jetzt ist er im Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt verantwortlich für Forschung und Entwicklung. Mit unserer Zeitung sprach er über das Potenzial, das in der Raumfahrt steckt, und den Nutzen einer deutschen Mondmission.
Luft- und Raumfahrtkoordinator Peter Hintze (CDU) hat eine unbemannte deutsche Mondmission etwa für das Jahr 2015 vorgeschlagen. Sie würde 1,5 Milliarden Euro kosten. Welchen Sinn hätte eine solche Mission?
Da kann ich zwei Bereiche nennen: den wissenschaftlichen und den technologischen. Aus wissenschaftlicher Sicht wissen wir recht wenig über den Mond, obwohl schon vor 40 Jahren Menschen dort oben waren und fast 400 Kilogramm Gesteinsproben mitgebracht haben.
Wie kommt das?
Die Astronauten der Apollo-Missionen sind damals auf der erdzugewandten Seite des Mondes gelandet. Dort sind relativ einheitliche Gesteinsformationen. Dank Sonden, die dort waren, wissen wir heute, dass es auf der Rückseite und an den Polen ganz andere geologische Formationen gibt. Die sollen untersucht werden.
Warum dieses große Interesse an dem unbewohnten Erdtrabanten?
Der Mond ist aus der Erde entstanden. Vor viereinhalb Milliarden Jahren ist ein marsgroßer Körper mit der Erde kollidiert und hat Materie herausgeschlagen, aus der der Mond entstand. Damit wurde der Zustand unserer Erde vor viereinhalb Milliarden Jahren quasi "eingefroren". Die Erde dagegen hat sich infolge der Verschiebung der Kontinentalplatten ständig verändert. Der Mond ist mithin ein Geschichtsbuch der Erde.
Und was wäre der technologische Nutzen einer unbemannten deutschen Mondmission?
Es erfordert enormes Know-how, mit einer Sonde auf dem Mond zu landen und Untersuchungen vorzunehmen. Wenn wir das beherrschen, lassen sich daraus viele Folgetechnologien gewinnen. Das beste Beispiel ist die Robotik, die in der Industrie schon eine große Rolle spielt. Eine solche Mission wäre ein Ausweis für die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands.
Werden für die europäische Raumfahrt derzeit genug Mittel zur Verfügung gestellt?
Die europäische Raumfahrtagentur ESA hat ein Jahresbudget von 3,5 Milliarden Euro. Deutschland ist der größte Beitragszahler. Was wir mit diesem Geld machen, ist unter Effizienzgesichtspunkten beachtlich.
Aber?
Aber die Nasa hat ein Jahresbudget von 17 Milliarden Dollar. Was die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit angeht, sind Europa und die USA nicht so weit auseinander. Daher wünschte ich mir, man könnte das ESA-Budget erhöhen - nicht auf eine so astronomische Summe wie die der Nasa. In der bemannten Raumfahrt, aber auch in Erdbeobachtung, Telekommunikation, Satellitennavigation sind wir in Europa auf einem guten Weg. Aber wir müssen uns überlegen, ob wir das nicht ausbauen wollen. Die Konkurrenzfähigkeit deutscher Industrie wird von der Fähigkeit, wie man mit Hightech umgehen kann, massiv beeinflusst werden.
Vor 40 Jahren hat mit Neil Armstrong der erste Mensch einen Fuß auf den Mond gesetzt. Was hat dieser "große Schritt für die Menschheit" der Menschheit konkret gebracht?
Die Teflonpfanne ist es nicht. Wenn das das Einzige wäre, was uns die Raumfahrt gebracht hätte, wäre das sehr dürftig. Die Notwendigkeit, für die Raumfahrt miniaturisierte und leistungsfähige Computer zu bauen, war eine Triebfeder für die Entwicklung der Halbleitertechnologie. Das ist nur ein Beispiel für den Fortschritt, den uns die Raumfahrt beschert hat.
Die Nasa träumt schon lange von einer bemannten Marsmission. Wie stehen die Chancen, in absehbarer Zeit auf dem Mars zu landen?
Ich glaube nicht, dass das vor Mitte der 30er-Jahre möglich sein wird. Aber: Man muss nichts neu erfinden, um es möglich zu machen. Man müsste nur bestehende Technologien weiterentwickeln. Eine Marsmission kann jedoch nur gelingen, wenn alle jetzigen und kommenden Raumfahrtnationen - auch China und Indien - zusammenarbeiten.
Sie haben an der ISS einen Außenbordeinsatz absolviert. Heute sieht man diese Bilder oft im Fernsehen. Aber was fühlt man, wenn man in dem Raumanzug steckt?
Ich habe schon oft darüber gesprochen, aber es ist mir nicht gelungen, es richtig in Worte zu fassen. Man rast mit fast 28 000 Stundenkilometern in 380 Kilometer Höhe über die Kontinente, spürt keinen Luftzug und ist mit Sicherungsseilen an der Raumstation festgemacht. Der Blick ist fast unbegrenzt. Das emotional zu verarbeiten, ist für mich auch heute noch Wahnsinn.
Wenn man so lange "über allem schwebte" wie Sie - verändert das den Blickwinkel auf das, was auf der Erde geschieht?
Wenn man in 90 Minuten einmal um die Erde fliegt, relativieren sich Dinge, die man hier unten täglich in den Medien sieht. Ich sage nicht, dass die Probleme klein und nichtig werden. Die müssen alle gelöst werden, aber sie bekommen eine andere Gewichtung.
Das Gespräch führte David Ditzer
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