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Archiviert am
Mittwoch, 26. März 08 |
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Computerspiele als Studienfach Koblenz - Computerspiele sind ein Kulturgut - und verlieren langsam auch ihr Schmuddelimage.
Einen Teil trägt dazu die Koblenzerin Linda Breitlauch bei: Sie ist Europas erste Professorin für Game-Design. Wer Linda Breitlauch sucht, kann an der Mediadesign-Hochschule in Düsseldorf entweder nach ihrem Namen fragen - oder nach Koblenz. Wie alle Räume der Hochschule trägt auch ihr Büro den Namen einer Stadt. Die Wahl fiel auf Koblenz, und Breitlauch hat nicht lange gezögert. Europas erste Professorin für Game-Design hat ihr Abitur am Max-von-Laue-Gymnasium abgelegt und anschließend an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie Betriebswirtschaft studiert. Sie ist in Koblenz aufgewachsen und besucht noch heute oft ihre Familie.
Mit 29 Jahren hat sie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam ihr Zweitstudium begonnen und als diplomierte Film- und Fernsehdramaturgin abgeschlossen. Ihre Doktorarbeit hatte sie 2007 gerade beendet, da folgte der Ruf auf eine Professur an die private Hochschule in Düsseldorf, wo sie gegenwärtig Studierende unterrichtet, die demnächst als Entwickler von Computerspielen tätig sein werden. Programmierer von morgen In Klassen von höchstens 25 Personen absolvieren die Studierenden dort ihre Ausbildung. Das bedeutet täglich sechs Stunden Vorlesung und viel Praxis. Breitlauch schätzt die Atmosphäre: "Die Studierenden haben sich bewusst für dieses Studium entschieden und sind hoch motiviert." Künftig werden sie als Projektleiter und Autoren, Grafiker und Programmierer virtuelle Welten und Spielstrategien entwerfen. Gegenüber dem Film, so die Professorin, besitzen Spiele jedoch eine ganz eigene Dramaturgie. Am Beginn steht ein Designdokument, das Geschichte, Charaktere und technische Anforderungen festgelegt. Während der Film die Zuschauer gerade mal für zwei Stunden in einen Spannungsbogen einbindet, verfügen Spieler am Computer über weit mehr aktive Freiheiten, die es ihnen ermöglichen, eine Geschichte oftmals auch individuell über einen längeren Zeitraum zu entfalten. "Die Herausforderung für die Entwickler besteht darin, dem Spieler diese Freiräume zu bieten und ihn gleichzeitig anzuregen, der Bestimmung des Spieles zu folgen." Ein Spiel muss seine eigene Logik entfalten, die eine zusammenhängende Geschichte ebenso wie Entscheidungen für die Bedienung einbezieht. Wer heute ein Spiel ersteht, das weltweit erhältlich ist, kann davon ausgehen, dass Hunderte Mitarbeiter über mehrere Jahre an der Produktion gearbeitet haben. Internationale Spielentwicklungen verschlingen viele Millionen Euro und sind mit amerikanischen Filmproduktionen vergleichbar. Die Entwicklung hängt auch mit den Ansprüchen der Spieler zusammen, die bei einem handelsüblichen Preis ein Spielvergnügen von 50 bis 100 Stunden erwarten. Linda Breitlauch, die selbst gerne spielt, weiß, dass das Bild der Computerspieler in der Öffentlichkeit meist durch eine bestimmte Klientel geprägt wird, welche die Medien gerne in den Fokus rücken. Diese sogenannten "Hardcore Gamer" sind überwiegend männlich, unter 20 Jahre alt und spielen täglich bis zu zehn Stunden. Doch sie bilden eine Minderheit. Für viele Menschen hat sich das Computerspiel inzwischen zu einer legitimen Unterhaltungsform entwickelt, wie sie auch zum Beispiel Brettspiele bieten. Entgegen gängiger Klischees spielen auch viele Frauen. Laut Breitlauch belegen die Statistiken, dass rollenspezifische Muster nicht zutreffen. "Frauen können auf rosa Spielkonsolen verzichten - ein gutes Spiel ist auch ein gutes Frauenspiel, wenn es als Spiel dramaturgisch überzeugend ist." Für die Ausbildung der Studierenden sei es daher wichtig, dass die Studierenden, die ehemals vielleicht nur begeisterte Spieler waren, zu professionellen Entwicklern heranreifen, die wissenschaftliche Ansprüche und ein differenziertes Verständnis für Spiele entwickeln. Gerade ein solches Verständnis soll dann auch die Vorstellung des "bösen Mediums Computerspiel" relativieren, denn die Argumente der Kritiker sind hinlänglich bekannt und zumeist pauschal: Die Schmutz- und Schunddebatten gegen die ersten Filme, Groschenhefte und Comics haben die gleichen Stereotype hervorgebracht wie die Einführung des Fernsehens. Computerspiele, die es schon seit den 60er-Jahren gibt, gerieten allerdings erst spät in die Diskussion. Nachdem die Spiele eine neue Qualität erreicht hatten, indem sie die Erzählung des Buches mit dem Realismus des Films und den Möglichkeiten zur Interaktion verbanden, wurde Kritik laut. Im Spiel leichter lernen Plötzlich boten die Figuren ein hohes Identifikationspotenzial, und Spieler bewegten sich in täuschend echt simulierten Szenarien. Kritiker befürchten seither, dass die Jugendlichen Spiel und Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden wissen. Hingegen werde übersehen, so die Professorin, dass jedes Spiel auch ein Lernspiel ist, bei dem es gilt, gewisse Regeln zu verstehen. Die Grenze zwischen unterhaltsamen und ernsthaften Spielangeboten sei fließend. "Was ein ernsthaftes Spiel ist, lässt sich nicht auf eine Formel bringen. Fest steht aber, dass Menschen spielerisch leichter lernen." Die Möglichkeiten für neue Konzepte des Lernens, die mit dem Spielen verknüpft sind, deuten sich gerade erst an. Für die Zukunft wünscht sich die Exil-Koblenzerin, dass die Hysterie aus der Diskussion weicht und nicht nur die Gefahren, sondern auch die Chancen des Spielens gesehen werden. "Eltern müssen verstehen lernen, welche Möglichkeiten sich mit dem Spielen eröffnen. Zugleich muss der bewusste Umgang, der sich hinsichtlich des Fernsehens entwickelt hat, auf Computerspiele übertragen werden." Medienkompetenz gelte es zu stärken. Ein erster Erfolg zeigt sich auch in der Entscheidung der Europäischen Union im Dezember 2007, Computerspiele als Kulturgut anzuerkennen. Im Januar folgte prompt die erste Ausschreibung eines Förderpreises durch die Bundesregierung. Der Blick auf die Spiele-Branche wandelt sich. Derzeit weiß Linda Breitlauch jedoch noch den anarchistischen Charme der Szene zu schätzen und genießt jene Freiheiten, die in wenigen Jahren vielleicht schon Geschichte sind. Thomas Metten RZO
http://rhein-zeitung.de/on/08/03/26/magazin/szeneregional/t/rzo412364.html |
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