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Oktoberfest wird zur "Quetsch-Wies'n"

München (Reuter) - Das 163. Münchener Oktoberfest platzte aus allen Nähten. "Die Wies'n ist stärker als die Krise", freute sich Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) über die guten Umsätze der Schausteller und Wies'n-Wirte. Schon bald aber machte sich angesichts der Besuchermassen auch Unbehagen breit. "So viel wollen wir gar nicht", dämpfte Cheforganisatorin Gabriele Weishäupl die Freude. "Wir drängeln uns zu Tode", warnte gar der Münchener Stadtrat Bernhard Fricke. Ude kündigte am letzten Wies'n-Tag denn auch Konsequenzen an.
Einen neuen Besucherrekord konnte die Festleitung nach 16 Oktoberfesttagen am Sonntag nicht vermelden. Doch immerhin 6,9 Millionen Menschen zog es in diesem Jahr auf die Wies'n, 200 000 mehr als im Vorjahr.

"Wenn da was passiert wäre...."

Schon nach wenigen Tagen Festgedränge war die Angst vor einer Katastrophe denn auch ständiger Begleiter der Verantwortlichen auf dem größten Volksfest der Welt. Rund 700 000 Besucher hatten sich am zweiten Wies'n-Samstag zu einer riesigen Menschentraube zusammengeballt, die sich zeitweise nicht mehr vor oder zurück bewegte. "Es war ein Wahnsinn", sagte ein Polizist. "Wenn da was passiert wäre...."

Immer wieder kam es einigen Bierzelten, so dem Traditionszelt "Schottenhamel", zu explosiven Situationen. Zeitweise mußten die Sicherheitsdienste gemeinsam mit der Polizei Hallen wegen Überfüllung sperren. Herein durfte dann niemand mehr - selbst wenn drinnen Frau und Kinder warteten. Hätte es einen Notfall gegeben, Rettungs- und Feuerwehrwagen wären über die engen und von Menschenmassen blockierten Zufahren kaum vorgedrungen. Manch einem verging da die viel beschworene "Wies'n-Herrlichkeit".

Von "Chaos-Tagen der anderen Art" sprach eine Münchener Zeitung, eine andere von der "Quetsch-Wies'n". Am vergangenen Montag dann kam es zu einem Unglück bei einem der beliebten High-Tech-Karussels, dem "Euro-Star" (Bild). Rund 25 Menschen wurden verletzt, die meisten davon allerdings nur leicht. So sprach denn auch Ude zum Abschluß des Oktoberfestes erleichtert von einer "erfolgreichen Wies'n ohne größeres Unglück und ohne größere Ausschreitungen".

Behörden warnen vor Besuch des Festes

Immerhin hatte die Stadt zwischendurch Münchener und Angereiste über Funk, Fernsehen und Lautsprecherdurchsagen vor dem Besuch des Oktoberfestes gewarnt. Und der Oberbürgermeister erklärte sich für "jederzeit erreichbar" und sagte einen Auslandsbesuch ab.

Derweil wird in München diskutiert, wie man das Fest im Griff behalten kann. Die Chefin des Fremdenverkehrsamts Weishäupl schlug vor, zur Wies'n-Zeit keine Bundesliga- Spiele mehr nach München zu vergeben. Schließlich drängen die Fußball-Fans nach dem Spiel oft zu Zehntausenden auf die Festwiese. Ude hält die Verlegung der Fußball-Spiele auf Freitag oder Sonntag für eine gute Idee. Nichts dagegen hält er von der Verlegung des Oktoberfestes an den Stadtrand. Auch die Anregung des Kreisverwaltungsreferenten Hans-Peter Uhl (CSU), das Festgelände zu umzäunen, stieß auf wenig Gegenliebe.

Vorschläge gibt es noch viele mehr: So könnten Wies'n-Besucher künftig Eintritt zahlen oder die Festzeiten könnten ausgedehnt werden. Genug Diskussionsstoff für die Verantwortlichen also bis zum nächsten Oktoberfest im September 1997. Gernot Heller, Fotos: ap


Last edited: jo@rhein-zeitung.de 12.06.1998 06:37